Der Name ist Programm: Versbau druckt im Prinzip nichts als Verse. Wobei der Vers natürlich alle Rechte und Freiheiten hat – nur eben nicht die, kein Vers zu sein. Verse sind bei uns Tagesordnung. Oder stehen zumindest am Horizont, wie prosaisch verhangen dieser auch sein mag. Verse von heute. Auf Deutsch. Bald Original. Bald Übersetzung. Die allgemeine Beliebtheit der Bücher mit Liedern ohne Noten mag Schnee von gestern sein. Gerade darum wollen Verse jetzt angepriesen werden. Denn populär im Prinzip bleibt die Notwendigkeit, ein Ungenügen an der Welt versiert zu sagen. Die Liebe zum Wundersamen und die Lust, Herausforderungen zu begegnen, gar Schwierigkeiten zu überwinden. Die Begierde nach Versen gehört zur Selbstbestimmung unserer Kraft, uns etwas Künftiges vorzustellen und zu bewirken. Alle machen Verse, auch ohne es zu wissen. Hängen an der Utopie einer genauen Spannung zwischen Sagen und Gesagtem. Versbau: die Poesie, die kommt. Dichtung im Druck. Am Drücker.
Jan Wagner, 1971 geboren, lebt als Lyriker, Übersetzer, Herausgeber und Essayist in Berlin. Zuletzt erschienen im Hanser Berlin Verlag der Gedichtband Steine & Erden (2023) und der Essayband Der glückliche Augenblick. Beiläufige Prosa (2021). Seine Gedichte wurden in fünfzig Sprachen übersetzt, für sein Werk erhielt er neben zahlreichen anderen Auszeichnungen den Preis der Leipziger Buchmesse (2015) und den Georg-Büchner-Preis (2017). Er ist Mitglied mehrerer Akademien, darunter der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Jan Wagner
Das Ohrenvarieté
Drei Hörspiele
Vielleicht, so die Figur des Schreibers an einer Stelle des Stücks Mandeville. Vaudeville, müsse man anfangen, mit den Ohren zu sehen. Tatsächlich vertraut Jan Wagner in seinem Ohrenvarieté aus drei Hörspielen ganz auf die musikalischen Eigenschaften der Sprache, auf den Klang, auf die Magie der Laute und Rhythmuswechsel, sodass sich anstatt von Hörspielen wohl ebenso gut von Langgedichten sprechen ließe, in denen wir auf ein ganzes Panoptikum an unvergesslichen Figuren treffen, und nicht zuletzt auf das Gold, das in Blankversen anhebt, um uns vom Entstehen und vom Gang der Welt, der Narrheit des Menschen und vom verderblichen Einfluss unserer Gier zu erzählen.
Es handelt sich bei dieser lyrischen Trilogie um ein poetisches Spiel, bei dem jeweils ein Mythos mit einer populären Darbietungsform kombiniert wird, also das vermeintlich Hehre mit dem Peripheren eine poetische Liaison eingeht. Zunächst folgen wir den geschundenen Schürfern in den kalifornischen Goldrausch, dann dem rätselhaften mittelalterlichen Entdecker Mandeville in die Phantastik, schließlich begleiten wir die liebende Nymphe Echo vom Ende als körperlose Stimme zurück zu einem Anfang voller Sinnlichkeit und Zuversicht, Vokal um Vokal um Vokal:
»Ibisse im Schilf,
Sieh hin, sieh mich
Dahinter, Granit,
Rippe, Kiefer, Kinn;
Will rieseln, klingen,
Will mich wiederfinden,
Bis ich knirsche, wispre,
Sinnlich, dringlich
Singend, die rissigen
Lippen spitzen, wirbeln,
Widersinnig, widrig,
Bitterlich lispeln,
Kiesel, Schiefer, Bims,
Irdisch, dinglich,
Stimme indes immer.«
Dieser Band ist eine Feier der Klangmagie, eine dreifache und eindringliche Einladung zur Reise in die Welt der Imagination, ein Ohrenvarieté.
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Frühjahr 2027
Joséphine Bacon, 1947 geboren, ist Innu aus Pessamit in Québec. Während ihrer ersten Lebensjahre lernte sie noch das Halbnomadendasein kennen, bevor sie in ein staatliches Internat für Indigene zwangseingewiesen wurde. Mit zwanzig Jahren zog es sie nach Montréal, wo sie schließlich als Dolmetscherin und Übersetzerin für die indigene Sprache Innu-aimun an der Seite von Anthropolog*innen das anzestrale Wissen der Innu-Völker erforschte, übersetzte und weitergab und auch zur Dokumentarfilmerin wurde. Als Dichterin darf sie als Spätberufene – mit durchschlagendem Erfolg – gelten. Für ihre Gedichte erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. 2019 den Indigenous Voice Award in der Kategorie Poesie und 2023 den Prix Molson du Conseil des arts du Canada. Seit 2018 ist sie Mitglied des Ordre des Arts et des Lettres du Québec. 2020 hat Kim O'Bomsawin einen Dokumentarfilm über sie gedreht: Je m'appelle humain (77 Minuten, Terre Innue, Québec).
Joséphine Bacon
Tshissinuatshitakana – Stockbotschaften
(Zweisprachig Innu-aimun und Deutsch)
Aus dem Québec-Französischen von Tim Trzaskalik
Tshissinuatshitakana – Stockbotschaften aus dem Jahr 2009 – Joséphine Bacons erstes Buch – gilt längst als Klassiker der Literatur der First Nations. Die Stockbotschaften – ein Ensemble von Orientierungshinweisen, die den Nomaden halfen, sich auf den Wanderungen durch ihr Territorium zurechtzufinden, werden in Bacons Versen zum Sinnbild des Schreibens und einer zutiefst menschlichen Poetik der Beziehung, der Solidarität und des Teilens, auf denen das Überleben der Innu als Halbnomaden beruhte.
Eine ebenso schöne wie schlichte Hommage an die kosmogonischen Visionen ihrer Ahnen, an ihre Erde und ihre Sprache.
»Ich habe mich schön gemacht
damit man es bemerkt,
das Mark meiner Knochen,
Überlebende einer Geschichte,
die man nicht erzählt.«
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Frühjahr 2027
Marie-Andrée Gill, 1986 geboren, gehört zum indigenen Volk der Pekuakamiulnuatsh, den Ilnu (dortige Selbstbezeichnung der Innu) vom Pekuakami, wie der Lac Saint-Jean (Québec) in ihrer Sprache heißt. Sie stammt aus der Gemeinde Mashteuiatsh in der Region Saguenay–Lac-Saint-Jean, die in Nitassinan (»unsere Erde« auf Innu-aimun) liegt, dem angestammten Territorium der Innu. Ihre Werke kreisen um Fragen nach der Wiederaneignung eines autochthonen Wissens in den Lebenswelten der (kanadischen) Moderne. Für Das Draußen heizen (Chauffer le dehors – 2019) erhielt sie 2020 den Indigenous Voice Award in der Kategorie Poesie. An der Seite von Joséphine Bacon ist sie in Kim O'Bomsawins Dokumentarfilm Je m'appelle humain (2020) zu sehen.
Das Draußen heizen ist Gills erste Buchpublikation auf Deutsch.
Marie-Andrée Gill
Das Draußen heizen
Aus dem Québec-Französischen von Tim Trzaskalik
Der Geliebte ist auf und davon. Aber wie gerne würde sie weiter Teil der Kulisse sein, zum Tagein-Tagaus mit ihm gehören … In ihrem Kopf dreht sich eine Frage im Kreis: Wie sich wiederfinden in der Unermesslichkeit dieses Endes? Das Draußen erscheint als einzige Antwort auf alles, was drinnen brodelt. Während der Sturm tobt und die Zeit den Riss langsam heilt, lassen die Stimmen des Waldes und der Jahreszeiten allmählich so etwas wie Linderung und Dankbarkeit gewahren. Mit offenem Herzen für den Atem der Belugas und der Schneemobile zieht Marie-Andrée Gill Fluchtlinien ins Schreiben, um die Unmöglichkeit der Liebe zu akzeptieren, um irgendwo zu existieren, um in der Erinnerung die verrückten Momente heraufzubeschwören.
»Die Liebe ist ein Urwald
und dann ein Kahlschlag
im selben Satz«
»Marie-Andrée Gill / Das Draußen heizen / Man kriegt nicht genug davon / Gedichte als Uppercut / Verse wie Schmetterlinge im Bauch.«
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Aktuelles & Veranstaltungen
9.–17. Juli 2026 · HausachVersbau beim Hausacher LeseLenz 2026
José F. A. Oliver, Kurator des renommierten Hausacher LeseLenzes und Mitgründer von Versbau, stellt unseren Lyrikverlag im Rahmen des diesjährigen Festivals vor. Der 29. Hausacher LeseLenz steht unter dem Motto w:andersprachen mit Spanisch und den Sprachen Spaniens als Gastsprache – ein Thema, das Versbau als Ort der vielsprachigen Gegenwartsdichtung besonders nah ist.
7.–11. Oktober 2026 · Frankfurt am MainVersbau auf der Frankfurter Buchmesse 2026
Zur Frankfurter Buchmesse erscheint die erste Vorschau von Versbau. José F. A. Oliver, Mitgründer des Verlags, stellt sie vor Ort vor und gibt einen ersten Einblick in das Programm: drei Bände, die am 1. März 2027 erscheinen. Für den jungen Lyrikverlag ist die Messe der öffentliche Auftakt – ein Verlag, der ausschließlich der Verskunst gewidmet ist und neben deutschsprachigen Versen vor allem Übersetzungen aus den französisch- und spanischsprachigen Literaturen der Welt versammelt.
27. November 2026 · HeilbronnVersbau im Literaturhaus Heilbronn
Am 27. November präsentiert sich Versbau im Literaturhaus Heilbronn. Im Rahmen von Buchvorstellungen der Versbau-Mitgründer José F. A. Oliver und Tim Trzaskalik stellt sich der junge Lyrikverlag erstmals einem breiteren Heilbronner Publikum vor.
Literaturhaus Heilbronn im Schlösschen am Trappensee
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